The end of the world (is not the end of the world)

Habt ihr schonmal das Gefühl erlebt dass nichts mehr geht? Dass alles vorbei ist? Dass es das jetzt war? Völlige Hilflosigkeit, durch welche das Gehirn dann auch aufgibt zu versuchen den Zusammenbruch zu verhindern? Und dann weint man nur noch weil das das letzte ist was man tun kann? Ausnahmsweise rede ich nicht von einem depressiven Auslöser. Ich wünsche ich könnte es, das hätte ich bereits erlebt. In bekannten Situationen ist comfort drin, selbst in den schlimmsten.

Ich hab jetzt etwas neues womit ich relaten kann wenn ich es in Filmen sehe: Aus purer Verzweiflung auf die Knie zusammenzubrechen und nur noch zu weinen.

Ich kann mir keinen besseren Grund auf einem Life-Blog nichts zu schreiben vorstellen als dass Dinge so positiv sind dass man keinen Impuls mehr dafür sieht, da man auch bereits über die Positivität schon geschrieben hat. Meine nachlassende Depression hat sich in der zweiten Hälfte des Jahres stabilisiert und ist mein neuer Standard geworden. Ich hab mich dran gewöhnt nur noch alle paar Wochen über Breakdowns nachzudenken, wenn tatsächlich doch noch mal einer auftritt, und selbst dann keine Angst mehr zu haben dass das nicht wieder weggehen wird. Die stärkste Hilfe im Kampf gegen Depressionen ist, für mich, das unanfechtbare Wissen gewesen dass sich völlig am Ende zu fühlen nicht das Ende ist, dass es weitergehen wird, dass ein Drop temporär ist und dass ich dann werde weitermachen können, mit allem was positiv ist. Und Life dann so: Warte, ich hab da noch was für dich.

Ich glaube ich hatte in keinem Post bis jetzt erwähnt dass ich seit Ende 2016 unter immer stärkeren und häufigeren Bauchschmerzattacken gelitten habe. Es hat ewig gedauert dahinter zu kommen was deren Ursache ist. Drei Faktoren waren dafür ausschlaggebend: Kommunikationsprobleme, Schwierigkeiten mit Bedürfniskommunikation, und mein internalisiertes Fatshaming.

Diese Bauchschmerzattacken haben mich bereits beim ersten Auftreten in die Notaufnahme gebracht, weil sie so intensiv waren und so schwer zuzuordnen dass ich Angst hatte gleich einen Herzinfarkt zu bekommen. Ich bekam Novalgin und ein gutes Herz bescheinigt. Dann traten sie nochmal auf. Und nochmal. Und nochmal. Ich bin oft nicht mehr in die Notaufnahme weil ich gelernt habe dass ich sie ertragen kann wenn ich einfach 1-2 Stunden lang rumstehe und mich so wenig wie möglich bewege. Die Attacken kamen erst alle paar Monate, dann alle paar Wochen. Manchmal eine Weile gar nicht, dann mehrere Male in einer Woche.

Irgendwann hatte ich eine Bauchschmerzattacke, welche viel schneller stark wurde als alles zuvor – und viel heftiger war als alle vorherigen. Innerhalb von Minuten wurden die Schmerzen unerträglich und ich konnte mich nahezu nicht mehr bewegen. In der Notaufnahme hab ich dann 1-2 Stunden lang eine Statue imitiert während ich wieder Novalgin bekommen habe. Diese Schmerzattacken passierten dann immer häufiger, und dauerten immer länger an. Die Diagnose: Ich esse zu schlecht und bewege mich zu wenig. Man fand nichts außer Gas im Bauchbereich, welches eventuell auf die Organe drückt. das kommt von schlechter Ernährung und mangelnder Bewegung.

Ein Tweet den ich von einem solchen NA-Aufenthalt gepostet habe war “Diagnosis: Lazy fat pig” – den Tweet habe ich aus self-care Gründen mittlerweile gelöscht, aber exakt so habe ich mich gefühlt. Und das war auch der Grund warum ich a) meine Schmerzen immer untertrieben habe, b) meine Angst davor nie kommuniziert habe, und c) mich nie wirklich tiefer reingelegt habe um rauszufinden wo sie herkommen, weil die Beschäftigung damit für mich bedeutet hat mich mit meiner eigenen Wertlosigkeit zu beschäftigen. Als Kind wurden alle Gesundheitsprobleme die ich hatte auf meine Fettleibigkeit geschoben. Ich bin ja eh selbst Schuld, das – die “Strafe” – muss ich also aushalten. Selbst als es 2018 so stark nach oben ging war das noch so; mein internalisiertes Fatshaming hat die nachlassende Depression am besten überlebt und ist heute wohl der stärkste negative Faktor für mich, dicht gefolgt von meinen Problemen mit Bedürfniskommunikation und Familien-Thematiken.

Ein Mal ist eine solche Schmerzattacke aufgetreten als ich gerade unterwegs auf einem Spaziergang war; ich wollte das erste Mal nachts die Alster umrunden. (Später hab ich das ein paar Mal geschafft. Großartiges Athmosphäre.) Am praktisch weitesten von zu Hause entfernten Punkt überkam mich auf einmal der Schmerz wie aus dem nichts, um 2 Uhr mitten in der Nacht. Ich habe einen Krankenwagen gerufen, und als der da war war ich schon am Höhepunkt der Schmerzen und konnte mich kaum noch bewegen, geschweige denn reden. Ich wurde ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht, das Agaplesion, und von einer sehr mitfühlenden, angenehmen Ärztin behandelt, welche vorschlug auch ein paar Untersuchungen zu machen die eigentlich nicht notwendig waren. (Zu dem Zeitpunkt dachte ich ich wüsste wo die Schmerzen herkommen; von einer chronischen Überproduktion von Magensäure, und habe das bei jedem NA-Aufenthalt gleich am Anfang gesagt, weswegen ich die letzten Male nie weiter untersucht wurde.). An diesem 7. Mal in der Notaufnahme wurde dann bei einem Ultraschall die tatsächliche Ursache meiner Schmerzen gefunden – meiner Koliken, wie sich herausstellte: Ich hatte Gallensteine. Recht große. Die waren da schon ne Weile. Ja, no shit.

Ich machte einen OP-Termin in diesem Krankenhaus, weil ich mich in dem Krankenhaus in meiner Nähe in welchem ich sonst bin nicht allzu wohl fühlte, und dieser wurde dann Anfang Oktober planmäßig und erfolgreich durchgezogen. Ich wachte nach ungefähr einer Stunde ohne Gallenblase und mit der Hoffnung auf dass ich den Scheiß jetzt endlich hinter mir hatte welcher mein Leben 1,5 Jahre lang so oft und auch außerhalb der Schmerzen so sehr beeinflusst hatte; die Todesangst vor den Schmerzattacken hat mich viel an meinem Essverhalten ändern lassen, und das ist nicht der angenehmste Motivator für – naja, irgendwas. Und Life dann so: Warte, ich hab da noch was für dich.

Nach der OP gingen meine Entzündungswerte rauf. Ich sollte nach 3 Tagen entlassen werden und hatte mich darauf eingestellt; die Krankenhausumgebung belastete mich sehr, und nach 3 Tagen hatte ich eine Panikattacke weil ich unbedingt weg musste. Allerdings gingen meine Entzündungswerte immer weiter nach oben, und bereits nach 2 Tagen erfuhr ich den schlimmsten Schmerz meines Lebens als ich versuchte mit einem Einlauf eine Verstopfung zu lösen, welche man von OPs haben kann. Aus dem nichts überrollte mich ein Schmerz wie ich ihn noch nie erlebt hatte, und damit einhergehend eine Todespanik welche seinesgleichen suchte. Dennoch: Auch dies führte noch nicht zur tatsächlichen Diagnose, da ich erneut die Schmerzen unterbeschrieb. Und meine unübliche Körpersprache half sicher auch nicht – ich habe nicht geschrien oder irgendwie gefuchtelt, ich war eher fast wie versteinert im Versuch den Schmerz irgendwie einzudämmen und mit fehlender Kraft fällt meine Sprache auf ein eher recht casual Niveau zurück, welches Normalität mehr als alles andere kommuniziert.

Als mein CRP dennoch immer weiter anstieg, obwohl es mir immer besser ging, wurde ein großflächigeres MRT angesetzt. Bisher hatte man nur dort gesucht wo vorher die Gallenblase war, da man eine Komplikation vermutete. Ich war schon am überlegen mich selbst zu entlassen, da es mir besser ging und die Umgebung mich mental sehr belastete (ich kann nur bei mir daheim mental aufladen und Menschen um mich rum sind super anstrengend) – da fand man dann Freitag Nachmittag die tatsächliche Ursache: Ich hatte scheinbar zufällig gleichzeitig mit der Gallenblasen-OP eine heftige Entzündung im Dickdarm entwickelt, und der Einlauf ließ den bereits sehr perforierten Gewebe reißen. (Yep, ich hab mir tatsächlich selbst den Darm aufgerissen.)

Mehrere Tage lang waren Blut und Stuhl in meinen Körper geflossen, die Entzündung hatte sich ausgebreitet, und Fremdkörper gelangten durch den Blutkreislauf in Organe und alle Bereiche des Körpers. Mein CRP erreichte am Höhepunkt einen Wert von über 500; so einer ist lebensgefährlich und kann sehr schnell zu einer Sepsis werden welche eine sehr hohe Mortalitätsrate hat. Man karrte mich sofort nachdem die Ergebnisse besprochen worden waren in den OP, und nach 4 Stunden Not-OP wachte ich im Aufwachraum auf, welchen ich erst nach Mitternacht verlassen würde weil ich so heftige Schmerzen hatte und körperlich so fertig war wie man nur sein kann.

Als die Schwester mich kurze Zeit später in die Nacht entließ brach die letzte Blockade in mir zusammen. Ich weinte. Das wars. that’s it. That’s life. It ends here.

Ich konnte mich kaum bewegen. Ich war zu schwach um ein Glas anzuheben. Ich konnte mich nicht drehen, ich konnte nicht schlafen, ich konnte den Kopf gerade genug bewegen um ihn zur Kommunikationsanzeige nutzen zu können. Im Verlauf der Woche würde ich einigen Menschen erzählen dass die OP in der Nacht von Samstag auf Sonntag stattgefunden hätte, weil ich den folgenden Samstag komplett verloren – verdrängt – habe. 6 Tage lang konnte ich nicht duschen, weil es so lange dauerte bis ichs vom Bett dorthin geschafft habe. 3 Tage hat es schon gedauert bis ich das Bett verlassen konnte – für zwei Sekunden, mit zwei kräftig stützenden Physiotherapeuten.

Eine Ärztin die bei der OP dabei war sagte mir später dass ich diese Zeit als eine der stärksten in meinem Leben betrachten solle. Mein Körper war am Ende. Ich hätte sterben können. Und das bereits physisch. Der psychische Faktor kommt da dann noch dazu. Die durchgeführte Operation, eine Hartmann-OP, hat eine Mortalitätsrate von 8-14%. Man führt sie nur durch wenn es absolut sein muss.

Und das musste es. Dadurch dass die Entzündung sich mehrere Tage lang ausbreiten konnte und ich meinen Körper stark vergiftet hatte war es nicht möglich meinen Darm nach dem Entfernen des zerstörten Stücks wieder anzuschließen. Stattdessen legte man einen künstlichen Darmausgang durch meine Bauchdecke, links unter meinem Bauchnabel.

Diesen Darmausgang habe ich so immer noch. 3-6 Monate nach einer solchen Operation wird überprüft ob man ihn zurückverlegt, sobald der Heilungsprozess im Bauchbereich genug abgeschlossen ist. Im Februar habe ich einen Termin für eine entsprechende Untersuchung. Aber: Wird zu früh operiert, muss noch für ein paar Wochen lang ein Dünndarm-Stoma (“Stoma” heißt der künstliche Darmausgang) gelegt werden. Das erspare ich mir lieber und warte eher zwei Wochen zu lang. Eine weitere so invasive OP ist genug – meine OP-Narbe geht von über dem Bauchnabel bis in den oberen Teil meines Intimbereichs runter. Und die Rückverlegungs-OP wird genau so invasis durchgeführt werden müssen. Nur kann ich die Hoffnung haben nicht wieder so lange brauchen zu werden bis ich aufstehen kann; mein Körper wird dieses Mal ja nicht komplett im Arsch sein, ganz im Gegenteil. Heftig wird es dennoch.


Needless to say: Diese Geschichte hat mich depressionstechnisch sehr zurückgeworfen. Aber nicht komplett. Im Krankenhaus hat mein Sprachvermögen, mein aufgebautes Sprachtraining, sehr nachgelassen, und ich hatte eine Zeit lang große Schwierigkeiten irgendwelche Menschen kennen zu lernen oder zu treffen, wie zu Zeiten bevor ich angefangen hatte Sprache zu lernen. Das war heftig, die Sprache kam aber wieder. Mittlerweile habe ich einen neuen Partnermenschen und mehrere mit denen ich close bin und glaube dass da mehr Potential drin sein könnte, wenn es dazu die Möglichkeit geben sollte. Viele Menschen mit denen ich vor der Krise gerade erst angefangen hatte zu schreiben sind abgesprungen; das wundert mich nicht. It’s a shame, but it’s okey. There’s always gonna be new people. Evidently.

Ich versuche momentan wieder mehr rauszugehen (natürlich hab ich meine antrainierten Walking-Kapazitäten komplett verloren – Muskeln schwinden unfassbar schnell; nach Tagen) und wieder mit meiner Nahrungsaufnahme zurück zu fahren. Im Krankenhaus habe ich, wie das so ist wenn man schwer krank ist, gut abgenommen, aber nachdem ich nach 13 Tagen wieder raus war und wieder sinnvoll essen konnte habe ich das dann auch getan. Ich hab ja jetzt auch keine Koliken mehr zu befürchten da ich keine Gallensteine mehr habe; ich musste da ein bisschen was nachholen. Dennoch: Den Effekt, vor allem im Zusammenhang mit meiner fehlenden Bewegung, merke ich. Und ich kann auch wieder neue Gallensteine entwickeln, im Gallengang diesmal. Und das will ich auf keinen Fall. Oh boy, will ich das auf keinen Fall.

Weihnachten konnte ich wieder mit der Familie meines Partnermenschen verbringen bei der ich auch letztes Jahr schon war. Es war wieder ein sehr anstrengendes, und sehr positives Erlebnis – auch wenn es extrem scary war, durch meine medizinische Situation. Die Beziehung mit diesem Menschen wird auch immer zuverlässiger; wir lernen beide so viel wie wir können darüber wie wir besser miteinander funktionieren können, und unsere Kommunikation erfährt immer weniger Ausreißer. Wir haben uns um Weihnachten rum zwei Wochen lang sehen können und hatten keine einzige schwere Krise, abgesehen von einer an Weihnachten selbst, was durch die vorbelastete Situation und die komplizierten Umstände mit Menschen drumrum nicht wirklich zählt. Wir bleiben absichtlich so sehr wir können unter uns wenn wir beieinander sind. Nur dann haben wir genug mental stamina um gut miteinander funktionieren zu können.

Ich will es nicht verschreien, deswegen gibt’s jetzt keine großen, hoffnungsvollen, esoterisch angehauchten Kommentare über Lichter am Ende des Tunnels und Hoffnung als letztem Quell des Überlebenswillens. Just this: I did this. I survived this. I can without doubt say that I survived a lot already; deadly depression, recurring deadly pain, and a potentially deadly medical situation.

I fucking ripped my intestines open. Survive that. I did. That was the end of the world. It was.

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