Bewältigung

EDIT: Ca. einen Monat nach diesem Beitrag hat der Alkohol aufgehört zu funktionieren, also hab ich aufgehört ihn zu trinken.

Ja, es stimmt. Ich habe angefangen, Alkohol zu trinken. Ich bin noch bei wenig, ein, höchstens zwei Drinks alle 1-2 Tage im Rahmen von 10-20cl höherprozentigem (20-40%), gemischt mit Softdrinks. Ohne es zu mischen kann ich nichts höherprozentiges trinken; da kribbelt mein ganzer Mund so unangenehm dass ich sofort Wasser hinterher kippen muss.
Ich habe noch nichts gefunden das mir gut schmeckt, fast nichts das ich zumindest nicht ekelhaft finde und probiere mich trotzdem durch. Der Grund dafür ist einfach.

Mein Kopf brennt. Wie ein Waldbrand. Überschwemmt mich mit Gedanken und Bildern, in jedem Moment, zu jeder Situation. So viel zu denken ist unfassbar anstrengend und nimmt mir jede Energie, mehr als das Überlebensnotwendigste zu tun wie aufstehen, duschen, hin und wieder an sozialen Events teilnehmen und Termine wahr zu nehmen, ohne welche mir z.B. Geld gestrichen wird. Für mehr ist einfach keine Kraft mehr da – und das impliziert auch Dinge, die zwar “einfach” sind, aber unangenehm, und deswegen Motivation erfordern. Niemand tut gern Dinge, die er eben nicht mag, und man benötigt dafür Selbstdisziplin. Davon habe ich nur sehr, sehr wenig; und das Wenige, das ich habe, geht restlos fürs Überleben drauf.
Ich verstehe, dass das von außen faul aussieht. Nur Dinge tun die man mag (auch wenn das ja nicht stimmt; ich gehe ja wie jeder sonst auch nicht gerne zu Behörden, z.B.) sieht faul aus, und als hätte man hohe Ansprüche.
Ich habe Ansprüche, ja. Ans Leben. Ich möchte Leben ohne ständig daran zu denken, was passieren würde, wenn ich jetzt das Baby auf die Fahrbahn schubse. Ich will nicht bei jeder einfahrenden S-Bahn den Impuls haben, einen Schritt nach vorne zu machen. Ich will mir nicht ständig vorstellen, wie meine Beerdigung wohl aussehen würde; ob jemand kommen würde, wer kommen würde, wer traurig wäre.
Ich tue natürlich nichts davon. Ich will niemandem Leid zufügen; im Gegenteil. Ich versuche so viel Gutes wie möglich zu erzeugen, wo ich kann. Ich habe nur so wenig Ahnung davon was das was ich tue auslöst, und ich bin selbst so anders in dem was ich mag und gern hab als die meisten Menschen, dass ich andauernd Fehler mache und Leuten vor den Kopf stoße. Es tut mir Leid! Ich will das nicht. Aber es ist das einzige, das mich am Leben hält – der Gedanke, ich könnte andere Leben bereichert haben. Und ich bin mir bewusst, dass mein Tod – oder gar Suizid – einiges an Leid hervorrufen würde. Dafür hab ich genug Geschichten gelesen und Videos gesehen von Menschen, die Freunde oder gar Familie verloren haben, an tödliche Krankheiten, Unfälle oder eben Selbstmord. Eins höre ich immer wieder: Es geht nie ganz weg. Man gewöhnt sich dran – etwas. Man lernt, damit umzugehen – ein wenig. Aber es verschwindet nie ganz. Der Geist des Toten verfolgt einen ewig, wenn man denjenigen gemocht hat.
Und dann ist da wieder dieser Fremdkörper in meinem Gehirn, der mir genau das als erstrebenswerten Zustand darstellt. Als etwas, das ich erreichen wollen sollte. “Die habens nicht anders verdient. Kein Schwein interessiert sich für dich; niemand lässt sich richtig auf dich ein, weil du ihnen zu kaputt bist, weil sie irgendwann die Geduld – oder die Kraft – verlieren. Zeig ihnen, was sie davon haben; zeig ihnen, wie kaputt du wirklich bist.”

Und das ist ein Problem. Was ist nötig, um den Menschen um mir herum zu zeigen, wie schlecht es mir eigentlich mit mir selbst geht?
Alkohol scheint dafür sehr effektiv zu sein.
Zum Ersten Mal in meinem Leben höre ich von verschiedenen Seiten ernsthaft gemeinte – und auch so verständliche – Sorgebekundungen. Man denkt auch außerhalb des konkreten Kontakts mit mir an mich und über mich nach. Teilweise kommt man dann zum Schluss, den Kontakt mit mir einschränken zu müssen, weil es der Person nicht guttut, (viel) Kontakt mit jemand so kaputtem wie mir zu haben.
Kontaktabbruch zum Selbstschutz. Fair enough – nehme ich euch nicht übel. Wirklich nicht!

Aber wieso war das nötig? Wieso musste es so weit kommen, dass ich einen Giftstoff zu mir nehme und dass es mir gefällt und ich nicht sofort auf anraten wieder aufhören möchte, dass die Leute merken, dass sich bei mir Abgründe unfassbaren Ausmaßes befinden?
Ist es tatsächlich deswegen, weil Alkoholismus etwas ist, wo sich die Leute reindenken können? Fast jeder kennt mindestens einen, der regelmäßig zu viel trinkt. Fast jeder kennt die kurzfristigen und langfristigen Wirkungen von Alkoholmissbrauch. Niemand möchte das für jemand anderen. Aber ist das der Grund? Ich weigere mich, das anzunehmen. Denn das würde bedeuten, davon auszugehen, dass die Menschen um mich herum keinen zweiten Gedanken daran verschwenden, sich in das reinzudenken und nachzuvollziehen, was ich sage, wenn ich beschreibe, wie schlimm Depressionen sind. Nicht nur bei mir. Es würde bedeuten, dass die Leute erst anfangen, sich Sorgen zu machen, sobald jemand ein Problem beschreibt, von dem sie wissen, wie schlimm es ist – und der beschreibenden Person schlicht nicht glauben, wenn sie sagt, dass ihr Zustand beschissen ist, oder gar, wie beschissen ihr Zustand ist, einfach weil sie es nicht kennen.
“Jeder hat mal einen schlechten Tag.” Das ist ein häufig gehörtes Argument. Ja, richtig. Das ist die Wahrheit. Dann müsste es doch aber auch kein Problem sein, sich mal vorzustellen, man hätte diesen schlechten Tag jeden Tag. Und vielleicht sogar noch etwas schlimmer. Das müsste doch wohl möglich sein.
Oder nicht?
Bin ich mit meinem Unverständnis für Leute, die sich in meine Situation nicht reindenken können, so ignorant und egozentrisch wie die Leute, die Unverständnis für meine Situation haben?

Alkohol ist aber nicht nur ein Mittel zum Zweck. Es ist auch eine direkte Hilfe. Es hilft mir, meinen Kopf stummzuschalten. Das ist ein Zustand, den ich seit ich denken kann ersehne, und den mir bisher kein Medikament, in keiner Dosis, schenken konnte. Und ich hab schon einige durch. Außerdem haben Medikamente direkt unangenehme Nebenwirkungen – wie z.B. Müdigkeit, die mich aktionsunfähig macht. Will ich an dem Tag noch irgendwas erledigen, kann ich keine Medikamente nehmen, so einfach ist das. Aber würde ich stattdessen 1 oder 2 Drinks zu mir nehmen hätte ich einen besseren Effekt, und könnte trotzdem weitermachen.
Ich weiß, dass Alkohol auf Dauer schlimmer ist als die meisten Medikamente und wohl jedes der Medis, die ich je genommen habe. Doch da kommt ein anderes Problem zum Vorschein.

Seit vielen Jahren habe ich eine unfassbare Angst vor der Zukunft. Alleine der Gedanke daran, wie jedes Mal wenn ich danach gefragt werde, ruft in mir starke Widerstandsgefühle aus. Ich will einfach nicht darüber nachdenken müssen, was in Zukunft passieren könnte oder wird – also lebe ich seit ca. 7 Jahren einfach mit dem Gedanken, dass ich in ein oder zwei Jahren eh tot sein werde. Wie genau, darüber mache ich mir konsequenterweise keine Gedanken; früher war der Gedanke an Suizid da prominent, in letzter Zeit hat die globale Apocalypse einen hohen Stellenwert eingenommen, aber in den Hintergrund getreten ist ersterer Gedankenzug noch lange nicht.
Die Konsequenz ist einfach: Wenn ich in wenigen Jahren tot bin, wieso sollte ich mir Gedanken machen, was ein Nervengift langfristig in meinem Körper anrichten könnte? Nichtmal muss; viele Menschen trinken jeden Abend ein Bier oder ein Glas Wein! Also tue ich das auch nicht. Jeder Gedanke in die Richtung wäre kontraproduktiv; würde noch mehr Angst in mir auslösen und den Wunsch nach Ruhe vor dem Waldbrand in meinem Kopf noch stärker werden lassen.

Ich will diesen Waldbrand unter Kontrolle kriegen. Ich kann ihn nicht löschen; er ist global, das hab ich längst aufgegeben. Aber ich nehme jede Gelegenheit wahr, die ich kriegen kann, um mir etwas Erleichterung zu verschaffen. Wenn ihr in Brand stehen würdet – im wörtlichen Sinne – würdet ihr in jedes Gewässer springen das in der Nähe ist, selbst wenn ihr wüsstest dass es Krebs hervorruft und ihr dann in ein paar Jahren qualvoll draufgeht.
Nun, ich brenne. Konstant. Und jede Erleichterung dahingehend ist mir willkommen, die mich nicht so abstumpft wie mein letztes Medikament, Kopfschmerzen forciert wie das davor oder sich so falsch anfühlt wie das davor.

Außerdem löst der Gedanke, tatsächlich möglicherweise in ein paar Jahren tot sein zu können – dass das nicht nur ein Wunschtraum sein muss – in mir etwas Frieden aus.
Ja, das ist richtig. Immer wieder, wenn ich beim Arzt bin und auf eine Diagnose warte, z.B. weil ich ein MRT gemacht habe, spielt sich in meinem Kopf tausendmal das Szenario ab, dass der Doktor gleich reinkommt und mir eine terminale Krankheit mitteilt. Das ist die Art von Zeug, die in meinem Kopf vorgeht. Der Wunsch nach Erlösung von alldem hier, von meinem Kopf, von meiner Depression, von meinem versauten Leben, von der Enttäuschung, die ich in den mir nahen Menschen auslöse, wenn ich immer nur von Problemen berichten kann. Am besten auf eine Art und Weise, die in den Menschen um mich herum den wenigstmöglichen Schaden anrichtet – und ein Suizid ist das Gegenteil davon, da ich genau weiß dass sich dann jeder einzelne Vorwürfe bis in alle Ewigkeit machen würde.

Dazu kommt auch noch, dass in der Logik meines Kopfes das Verhältnis aus Leid und Glück, das durch mich erzeugt wird – in anderen, UND in mir, denn man soll eigene Gefühle ja so ernst nehmen und als gleich wichtig bewerten wie die von anderen – nicht stimmt.
Ich weiß, dass ich es selten schaffe, Menschen wirklich groß glücklich zu machen. Die wenigen Male, die ich es schaffe, reichen nicht ganz aus, um den Ärger über Fehler auszubügeln, die ich andauernd begehe – und dann kommt mein eigenes, privates Unglück noch dazu. Das Verhältnis stimmt hinten und vorne nicht. Und da ich ein logischer Mensch bin, der versucht so rational wie möglich zu handeln, stellt sich meinem Kopf ein Entfernen meiner Existenz als bestmöglicher Schritt für alle dar.
Nur ist es eben nicht so einfach. Der Tod, und das Sterben, sind Prozesse, die damit verbunden sind. Das Unglück, das sowohl ein unbeeinflussbarer, wie auch ein eigenmächtiger Tod auslösen würde, wäre größer als vieles – nicht alles – schlechte das ich je getan habe.
Also versuche ich es nicht noch schlimmer zu machen, das Glück, das ich erzeuge zu maximieren und nicht unbewusst zu viel verbranntes Essen zu essen, damit ich nicht auf einmal doch “aus Versehen” Krebs kriege.
Ich kriegs nicht immer hin. Risikoverhalten ist mir nicht fremd, und mit dem Alkohol angefangen zu haben gehört definitiv zu den drastischsten Dingen, die ich je getan habe. Wie das selbstverletzende Verhalten, das ich auch nicht als Bewältigungsstrategie begonnen habe, zeigte sich auch beim Alkohol leider sehr schnell, dass die ganzen Leute, die es zur Bewältigung von übermächtigen Emotionen nutzen, das aus einem guten Grund tun.
Und plötzlich gehöre ich zu den Leuten, die ich immer mit halber Verachtung und ohne wenig Mitleid angesehen habe, weil ich bis dahin immer die Kraft hatte, dem zu widerstehen.
Nun habe ich diese Kraft nicht mehr. Sie ist so aufgebraucht, dass ich dieser Versuchung nicht mehr widerstehen konnte. Und ich werde immer mehr zu dem, was ich nie werden wollte.
Das ist auch nicht hilfreich für mein Selbstwertgefühl… und das wiederum macht mich wieder schwächer.

Jede einzelne Geschichte, die ich je von Leuten gehört habe, die vergleichbare – oder schwerwiegendere – Probleme hatten wie ich, und aus ihrem Loch wieder rausgekommen sind, beginnt den Teil, der ihren Aufstieg anfängt zu beschreiben, mit “Und dann traf ich…”. Doch so eine Person existiert nicht für jeden Menschen. Sie existiert nicht für mich. Das liegt nicht unbedingt an den Menschen um mich herum, sondern sicher auch zu einem Großteil daran, wie meine Krankheit sich manifestiert und nach außen hin zeigt. Sich meiner anzunehmen würde eine Dedikation, Engagement und vor allem so viel Zeit erfordern, dass ich eigentlich gar nicht will, dass es diese Person gibt. Denn wer auch immer das auf sich nehmen wollen würde, muss selber so kaputt sein, dass ich nicht will, dass so viel Leid einer Person zugefügt worden sein kann.
Warum muss diese Person so kaputt sein? Na, ich habe oben ja bereits geschlussfolgert, dass Leute nur dann mitfühlen und nachvollziehen können, wie schlecht es dir geht, wenn sie selber Erfahrungen damit machen mussten.
Niemand auf dieser Welt sollte meine Erfahrungen teilen. Wenn das bedeutet, dass ich alleine sterbe, wann auch immer das passiert, ist es gut so, denn es bedeutet, dass niemand den ich je traf meine Erfahrungen teilen musste.
Ich weiß, dass es einigen Leuten schlechter geht (oder besser, gehen müsste – ich kann ja nicht in sie hineinsehen) als mir. Ich höre immer wieder die schlimmsten Geschichten von Missbrauch, mentaler und physischer Vergewaltigung, Vergangenheiten voller Fehlschläge und Rückschläge, Todesfälle – bei manchen Menschen frage ich mich, wie die immer noch atmen können. Bei deren Geschichte wäre ich längst erstickt; ich selber habe ja kaum etwas handfestes hinter mir außer einen Sorgerechtsstreit durch früh geschiedene Eltern, eine Beziehung mit einer starken Borderlinerin und mittelschweres Mobbing in der Schule. Sicher, das ist nicht nichts! Doch verglichen mit dem, was ich alles schon gehört habe – denn 99% der Leute, die ich näher kennenlerne, sind nicht nur leicht, sondern meist stark kaputt, das zieht mich unterbewusst stark an – sollte ich eigentlich nur dankbar sein, was mir alles erspart blieb.
Doch andererseits soll man ja Gefühle nicht miteinander vergleichen.
Wieso tun das also immer alle anderen, wenn sie sich sagen “Mir geht es auch nie lange schlecht, also kann es ihm doch nicht (fast) nie gut gehen?”
Ich bin nicht wie ihr. So wenig wie ich meine Gefühle invalidieren darf, weil andere schlimmeres Zeug als ich erlebt haben, so wenig dürft ihr meine invalidieren, weil es mir “doch nicht SO schlecht gehen” kann.
Doch, tut es.

Und wenn ich doch wieder mit dem Alkohol aufhören kann, weil es z.B. wie nach dem Muster üblich bald nicht mehr hilft, dürft ihr mir das ruhig weiterhin glauben. Auch ohne, dass ihr “relaten” könnt. Auch ohne, dass auf meiner Stirn “Alkoholiker” steht. Oder in meinen Tweets – oder meinem Blog.

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