Melancholie 29.05.2011

— Original-Beitrag vom 29.05.2011 —

Melancholie.
Melancholie ist ein schwarzes, tiefes, bodenloses Loch, in das ich immer wieder gezogen werde.
Momente, in denen ich nachts alleine in meinem Zitat: „unpersönlichen“ Zimmer sitze und vor mich hin starre auf den Bildschirm, der einem dem Klischee nach die ganze Welt offenzulegen vermag.
Doch davon spüre ich jetzt nichts. Ich spüre nur Traurigkeit und Einsamkeit. Angst, ewig so zu bleiben, wie ich jetzt bin, in diesem Moment und in der allgemeinen Situation. Angst, dass die fortwährend prophezeiten Dinge wie die „Traumfrau, die einem über den Weg läuft“, der erste Sex, der „einfach so passiert“, der gute Freund, der in jedem Film zu finden ist, die glückliche Familie, die ich mir so sehr wünsche, die Kinder, die an mir aufsehen, der Job, der mir Spass macht und mit dem ich genug Geld verdiene, um so zu leben wie ich es mir wünsche, dass diese Dinge einfach so an mir vorüberziehen ohne Station bei der Geisterstadt zu machen. Doch diese Geisterstadt hat diese Dinge so dringend nötig, so dringend wie nichts anderes, obwohl der Kopf auch nach anderen Dingen dürstet, materiellen Dingen wie noch mehr, tollere DVDs, einen Klasse Fernseher, technisch ausgezeichnete Ausstattung, ein neuer Computer… Doch diese Dinge sind, objektiv betrachtet, nichts, was mich „wirklich“ glücklich machen kann.
Doch sie können es für den Moment und auch für einige längere Zeit, denn ich habe die Fähigkeit, nahezu sämtliche Dinge in jedem Moment so objektiv und rational zu betrachten wie niemand sonst mir bekanntem. Ich kann dies auch nicht tun, ich kann eskalieren, die Gefühle können mich überkommen – eine wohl natürliche Reaktion, wenn man sie wie ich so nachdrücklich unterdrückt – und machmal tue ich es mit Absicht nicht, nur um meine Umwelt zu schocken. Diese Momente von Aggressivität und aus-dem-Weg-sonst-stirbst-du Ausstrahlung genauso wie die Momente von so tiefer Melancholie, dass niemand der an mir vorübergeht zweifelt, ich werde mir in spätestens 10 Sekunden irgendein Messer reinrammen oder von der nächsten Brücke springen – Die Blicke sind einfach unglaublich! – sind Momente, in denen ich mehr Aufmerksamkeit bekomme als meistens sonst.
Nein, das stimmt nicht. Ich bekomme nicht mehr Aufmerksamkeit. Aber ich bekomme andere Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit einerseits in Form von gehörigem Respekt – Noch nie hat mich jemand auch nur angesprochen oder den Weg nicht frei gemacht wenn mich die Aggressivität überkommt, selbst die größten Macker nehmen Abstand – und in Form von sowohl tiefem Mitleid als auch großer Angst um mich und noch größerem Erstaunen. Vielleicht darüber, dass ich überhaupt noch lebe, wenn es mir so schlecht geht dass ich so einen Ausdruck draufhabe? Wer weiß das schon. Aber ich weiß, dass mir Respekt dieser Art und Mitleid und Angst um mich jener Art sonst nicht zuteil wurden und auch nie zuteil worden. Deshalb lasse ich diese Momente zu. Ich bin nur grade noch rational genug um zu wissen dass ich sie nicht zu lange zulassen darf, denn wenn ich das tue, werden sie zu solchen Momenten wie in jener Nacht – und das darf keinesfalls passieren, denn noch viel öfter werde ich das sicher nicht aushalten. Wenn alles zusammenkommt, die Gewissheit, niemandem _wirklich_ was zu bedeuten, keinen Einfluss auf das Leben zu haben, dass man sich meiner kaum erinnern wird, dass ich keine Chance habe dass mir noch irgendwas gutes widerfährt, dass sich jemand meiner erbarmt, dass ich geliebt werde – Dann habe ich das perfekte Isotop für Melancholie im Endstadium erschaffen. Wenn jetzt auch noch die Umweltverhältnisse stimmen – wie damals, in jener Nacht – gibt es kaum noch etwas, das mich zurückhält, dem allen ein Ende zu machen.
Das einzige, das mich rettet, ist mein unkaputtbarer Sinn fürs rationale. Ich sehe, dass ich sehr wohl Einfluss auf die Menschen habe, ich habe ihr geholfen, sich einem Thema zu nähern, das sie bis vor mir als krank empfand und das sie wohl irgendwann innerlich aufgefressen hätte. Ich bin eine Person, eine Persönlichkeit, eine Existenz im Chat, man kennt mich dort und wird es zumindest merken wenn ich nicht mehr da bin – und solange die Zuneigung einiger Personen nicht nur gespielt ist, werde ich auch vermisst werden. Ich habe auch schon Dinge erreicht. Ich habe mich in vielerlei Hinsicht im Web verewigt, ich habe einige Wikiartikel verbessert – mehr als genug für den Status eines automatischen Sichters, und bald auch eines aktiven Sichters – ich habe Mails geschrieben, die vom Empfänger gelesen und teils auch öffentlich beantwortet wurden, ich habe Videos auf Youtube hochgeladen die über 5.000 Viehs erreicht haben – Zu viele für nur accidential clicks.
Oh nein. Wieder dieses Lied. Das Lied aus jener Nacht, dessen Atmosphäre und Text alles in mir hochholen. Frozen von Madonna ist kein gutes Lied, das man in meiner Situation hören sollte, doch ich kann es nicht weiterklingen – Zu groß ist die Intensität von allem hier. Bin ich wirklich so einflussreich wie ich sage? Ich werde im Chat andauernd angemeckert wegen verschiedenster Dinge. Jede Saat eines möglichen Anfangs eines guten Verhältnisses, das vielleicht irgendwann mit viel Glück in einer Beziehung, in der so von mir ersehnten gegenseitigen Liebe enden könnte, ersticke ich im Keim. Jede Entscheidung, jede Situation, die irgendwas von dem verändern könnte, wie ich grade lebe, wie meine aktuelle Situation ist – Der Pranger, das Hotel, die Frau aus Norderstedt – alles zerstöre ich, bevor es richtig angefangen hat. Wieso passiert das? Wieso gibt es diesen Schalter in meinem Gehirn, der sich automatisch umlegt, sobald es drauf ankommt? Und wieso ist er wie festgesetzt? Ich sehe was passiert, ich sage mir, Junge, das verfolgt dich dein Leben lang, lass los, lass es geschehen! – Doch es ist immer das selbe. Ich hab es weggenickt, einen dummen Kommentar gemacht, eine bescheuerte Ausrede gefunden, warum ich doch nicht will. Die Leute sind weg, die Möglichkeit hinfort, und sie kommt so schnell nicht wieder. Und schon ärgere ich mich zu Tode über das was ich getan habe. Der Schalter ist wieder oben, er sagt mir haha, son Lauch, schon wieder drauf reingefallen, was hast du anderes erwartet.
Was habe ich anderes erwartet? Was erwarte ich jemals anders? Wie kann ich was anderes von der Zukunft erwarten, wenn es bis jetzt jedes Mal auf die selbe Weise verlief?
Das nächste Lied. Na endlich. Aber helfen tut es nicht.
Kann ich wirklich erwarten, dass dieser Schalter irgendwann versagt, aufhört zu existieren, dass mein immer nur hilflos zusehendes gefesseltes – verdammt.
Egal was ich tue, sage, schreibe, denke, ich falle doch immer wieder zurück. Es hat sich nie was geändert und es wird sich niemals etwas ändern. Du hast die erste Situation verhauen und nächstes Mal, egal ob er oder sie früher dran ist, wirst du es auch verhauen. Du gehst hin, ihr unterhaltet euch nett, sie macht Andeutungen, die du – wenn du Glück hast! – verstehst – und du winkst ab, sagst heute nicht, gehst raus und in die U-Bahn und ab nach Hause. Und noch während sich die Türen schliessen fragst du dich, was zum Teufel machst du da, das ist doch nicht dein Ernst, darauf wartest du seit Monaten, an ihr oder ihm wirds nicht liegen, es bist immer nur du. Wenn du es diesmal wieder verhauen hast, wie kannst du erwarten, dass es irgendwann besser wird?
Nächstes Lied. Die Friedenshymne. Hört sich zwar gut an, ist der Situation aber nicht förderlich. Doh.
Aber so will ich nicht leben. Eine Chance nach der anderen verhauen, zusehen wie sich Paare finden, zähneknirschend feststellen was sie falsch machen, was du besser machen könntest, nein, hör auf, tu das nicht, son wixxer wie du hat die doch nicht verdient, komm her zu mir, ich bin der bessere – wenn Gedanken hörbar wären wäre ich sicher nicht in der körperlichen Verfassung in der ich heute bin.
Die auch nicht die beste ist. Ich sehe beschissen aus. Ich kann mich nicht auf Filmaufnahmen oder Fotos sehen, nichtmal im Spiegel – Und damit ist nicht das nicht-sehen-können-weil-peinlich oder sonstwas gemeint, sondern einfach, dass ich finde, dass der Körper, den ich da sehe, nicht der Körper ist, der zu meinem Geist, meinem Gemütszustand, meinen Empfindungen, meiner Verfassung passt. Dieses kleine, spätpubertierende, hässliche, viel zu fette Ding, das kann doch nicht ich sein, wie halten es die Leute überhaupt in meiner Nähe aus? Aber ich kann auch nicht wechseln, alle Frisuränderungen scheitern beim ersten Blick in den Spiegel und landen im Abfluss der Dusche. Ich konnte mir noch nie andere Klamotten kaufen als ich eh schon trage, zumindest nicht vom Stil anders. Dunkelblau, vielleicht mit Fanaufdruck einer coolen Serie wie Lost oder witzigen Sprüche wie Ich wars nicht – auch nur da, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Auch die Sache mit den Fotos, immer überall Fotos schiessen zu müssen, wenn ich im Urlaub bin, Klassenkameraden auf der Klassenfahrt – ein tolles Gefühl, wie sie dich auf einmal alle anlächeln. Aber sie lächeln nicht dich an, sondern in das Objektiv deiner Kamera, die dir dein Vater geliehen hat, der verzweifelt versucht irgendeine Bindung zu seinem Sohn zu halten, nachdem der andere ihn schon so offensichtlich ignoriert. Doch der Moment bleibt bestehen, und es ist es wert, dass man sich nachher über dich lustig macht weil du jeden Bordstein fotografierst.
Ist er nicht. Die blöden Sprüche, die höhnenden Gesichter sind immer schlimmer als alles gute, was dem vorausgegangen ist. Und doch passiert es immer wieder, dass ich sie in Kauf nehme, nur um vom Moment profitieren zu können.
Ich werde jetzt schlafen gehen. In der Nacht ist es immer am schlimmsten. Morgens, wenn ich um 17 Uhr aufstehe und Ärger vom Stiefvater und der Mutter bekomme weil sie mein Verhalten als asozial empfinden, nur, weil sie anders erzogen wurden – halt denen das vor die Nase! Das ist der größte Fehler den du machen kannst. – auch daran habe ich mich gewöhnt. Wie man sich an so vieles gewöhnt, wenn man ein Leben hat wie ich es führe, immer die Möglichkeit des Abbruchs vor Augen und die Ablehnung von allen Seiten.
Nicht immer Ablehnung. Es gibt auch gute Seiten.
Nur wann? Wann?
Wann komme ich in den Genuss, eine dieser tollen Sachen erleben zu können, von denen alle anderen immer so schwärmen und die mich schlagartig, jedes Mal, immer wieder, in das Gefühl versetzen, in dem ich mich befand als ich anfing das hier zu schreiben?
Nein, es hat nicht geholfen, es sich von der Seele zu schreiben. Aber ich hoffe, ich konnte anderen ein wenig nahebringen, wie es mit mir zugeht. Alles in allem doch nur wieder mal ein Schrei nach Aufmerksamkeit.
Wie wahrscheinlich fast alles was ich tue.
Gute Nacht.
P.s.: Während ich den Blog erstelle und mich frage, ob ich das wirklich machen will, spielt iTunes Lynn McGylls Sacrifice vom 24-Soundtrack. Vielen Dank.

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